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Rede von Kultusminister Grant Hendrik Tonne zum 73. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen KZ Salzgitter-Drütte

aus Anlass des 73. Jahrestags der Befreiung des KZ Salzgitter-Drütte begrüße ich Sie herzlich hier auf dem ehemaligen Appellplatz auf dem Gelände der Salzgitter AG.

Bevor ich auf die entsprechenden Ereignisse damals und die historisch-politische Bedeutung dieses Ortes näher eingehe, möchte ich mit tiefer Betroffenheit an eine Frau erinnern, die wie keine andere die Gedenkstätte geprägt hat. Viel zu früh und unerwartet ist Elke Zacharias am 13. März dieses Jahres im Alter von 55 Jahren aus dem Leben geschieden. Über 28 Jahre hat sie mit großer Leidenschaft und bemerkenswertem Engagement im Arbeitskreis Stadtgeschichte e. V. Salzgitter gewirkt, davon über 20 Jahre als Leiterin der Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte.

Noch bevor es eine Gedenkstätte hier am historischen Ort gab, begann Elke Zacharias in aller Welt Interviews mit ehemaligen Häftlingen der drei KZ-Außenlager im Gebiet Salzgitters zu führen. Sie legte damit den Grundstein für eine Dauerausstellung, die wenige Jahre später in einem Teil des ehemaligen Block 4 installiert werden konnte.

Die Begegnungen mit den Überlebenden prägten die Arbeit von Elke Zacharias in den folgenden Jahren als Leiterin der Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte in besonderer Weise.

Die Arbeit von Elke Zacharias zeichnete sich durch ein hohes und umfangreiches Fachwissen aus, das auch in zahlreiche Publikationen und Forschungsarbeiten einfloss. Frau Zacharias selbst und auch die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte sind über Landes- und Bundesgrenzen hinaus bekannt.

Auch waren Elke Zacharias Kreativität und innovative Ansätze in der Vermittlung der Erinnerungskultur ein wichtiges Anliegen. Den nächsten Schritt zur Weiterentwicklung der Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte hatte sie bereits fest im Blick: die Erweiterung und Neugestaltung der Gedenkstätte, insbesondere die Konzeption und Gestaltung einer neuen Dauerausstellung. In diesem Zusammenhang möchte ich die aktuell entdeckten einzigartigen Inschriften und Bemalungen am historischen Ort erwähnen, die bislang unerwartete Eindrücke ermöglichen. Als kluge Ideengeberin und Planerin des weiteren Prozesses wird Elke Zacharias in den kommenden Monaten und Jahren sicherlich schmerzhaft vermisst werden.

Darüber hinaus möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass sie auch in der Gremienarbeit auf Landesebene sehr engagiert war: seit 2004 war sie als stellvertretende Vorsitzende im Stiftungsbeirat sowie als Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten tätig. Zusätzlich war sie in der Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten aktiv.

Als Niedersächsischer Kultusminister und Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten bin ich Elke Zacharias und ihrem Wirken zu besonderem Dank verpflichtet - sie hinterlässt eine große Lücke.

Vor gut 75 Jahren, am 18. Oktober 1942, erreichte der erste Transport mit 50 Häftlingen das neu eingerichtete KZ-Außenlager Drütte. Sehr bald kamen weitere Transporte an, so dass schnell eine Bestandszahl von 3000 Häftlingen erreicht wurde. 3000 Männer unterschiedlichster Nationalität, verschiedenen Alters, mit individuellen Lebenswegen begegneten sich hier.

Eingepfercht zu Hunderten in vier Unterkunftsräumen unter dieser Hochstraße wurden sie Tag für Tag zur Schwerstarbeit in der Rüstungsproduktion gezwungen. Die katastrophalen Lebensbedingungen führten zu Krankheit und Tod vieler Häftlinge. Und obwohl diese Situation vor allem den Blick auf sich selbst erforderte, entstanden auch immer wieder enge Kontakte zwischen den Männern. Gegenseitige Hilfestellungen oder auch nur ein offenes Ohr füreinander haben - solche Begegnungen waren im KZ ebenso überlebenswichtig wie Wasser und Brot. Davon berichteten viele Überlebende in ihren Erinnerungen.

„Begegnungen“ - dieses Oberthema wurde in diesem Jahr auch für das Projekt mit den Auszubildenden der Salzgitter Flachstahl AG gewählt. Der jüngeren Generation ist es immer seltener möglich ehemaligen KZ-Häftlingen zu begegnen. Dennoch sind und werden auch in Zukunft Begegnungen ein Thema in der Gedenkstättenarbeit sein. Sei es in Form von schriftlichen, audiovisuellen oder anderen Zeugnissen, sei es, weil Angehörige zu Besuch kommen oder wir an Erfahrungen mit Begegnungen erinnern.

„Begegnungen“ haben eine grundlegende Bedeutung für die Beziehungen von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religionen. Begegnen wir uns wertschätzend, empathisch, respektvoll und auf Augenhöhe?

Leider müssen wir konstatieren, dass Einstellungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein verbreitet sind. Ressentiments, Hass und Gewalt gegen Geflüchtete oder vermeintlich „Andere“ oder Fremde haben in den letzten Jahren zugenommen. Gegenüber heutigen Formen des Rassismus, der Ausgrenzung, der Herabwürdigung und der Verletzung elementarer Menschenrechte kann die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht immun machen. Sie kann aber sensibilisieren und ermutigen, sich selbst, auf der Grundlage eines kritischen Geschichtsbewusstseins, anders zu verhalten: das Leben und den Nächsten zu achten, für Solidarität mit Schwachen und von Ausgrenzung Bedrohten einzutreten sowie sich für Menschenrechte und Demokratie zu engagieren.

Den Versuchen der Rechtspopulisten und Ideologen der „Neuen Rechten“, die Spaltung der Mitte der Gesellschaft immer weiter voranzutreiben und mit gezielten Provokationen die Grenzen des Sagbaren nach rechts zu verschieben, wollen und müssen wir entschlossen entgegen treten.

Mit wachsendem zeitlichem Abstand zum historischen Geschehen und vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungsprozesse gilt es, neue Wege und innovative Formen der Erinnerung und Geschichtsvermittlung zu finden. Diese müssen geeignet sein, den Anforderungen der heutigen, von Migration und Internationalisierung geprägten Gesellschaft gerecht zu werden. Um alle jungen Menschen, so verschieden sie auch sein mögen, erreichen zu können, braucht es eine an Diversität und Inklusion orientierte historisch-politische Bildung. Vor allem braucht es Lern- und Erfahrungsfelder, in denen Jugendliche ernst genommen und aktiv beteiligt werden, damit sie Erfahrungen von Selbstwirksamkeit machen können.

Vor diesem Hintergrund kann die Arbeit mit den Auszubildenden der Salzgitter Flachstahl AG im Bereich Erinnerungskultur als vorbildlich bezeichnet werden. Ich danke sehr herzlich allen Beteiligten und insbesondere den Auszubildenden selbst für ihr großes Engagement und die beeindruckende Projekt-vorstellung.


Erinnern ist ein Prozess, der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft bezieht.

In diesem Sinne sind Gedenkstätten und Gedenkorte zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Niedersachsen unverzichtbare Lernorte einer historisch fundierten Demokratieerziehung. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur wertebildenden Sensibilisierung aller Bevölkerungsschichten, insbesondere von Jugendlichen, in der Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit und ihrer Folgen. Ursprünglich oft ausgehend von vielen hoch engagierten Ehrenamtlichen in lokalen Vereinen – wie auch hier in Salzgitter-Drütte – ist in Niedersachsen seit den 1980er Jahren eine bundesweit einmalige Gedenkstättenlandschaft entstanden. An diesen Orten mit historischem Bezug zur NS-Verfolgung werden exemplarisch alle wesentlichen Themen der nationalsozialistischen Verfolgung abgebildet und hier wird hervorragende Bildungsarbeit geleistet.

Die Niedersächsische Landesre­gierung und das Niedersächsische Kultusministerium unterstützen und initiieren mit Nachdruck Projekte und Maßnahmen in Schulen und Gedenkstätten, die präventiv gegenüber jeder Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wirken und solidarisches Handeln in einer vielfältigen demokratischen Gesellschaft fördern.

Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind, um der Opfer des ehemaligen KZ Salzgitter - Drütte zu gedenken und zugleich an die Befreiung vor 73 Jahren zu erinnern.

Artikel-Informationen

11.04.2018

Ansprechpartner/in:
Sebastian Schumacher

Nds. Kultusministerium
Pressesprecher
Schiffgraben 12
30159 Hannover
Tel: 05 11/1 20-71 48
Fax: 05 11/1 20-74 51

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