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Abschlussbericht des Expertengremiums Arbeitszeitanalyse

Im Prozess um die Verbesserung der Bedingungen am Arbeitsplatz Schule hat das Niedersächsische Kultusministerium einen wichtigen Meilenstein erreicht: Das unabhängige Expertengremium Arbeitszeitanalyse hat seinen Abschlussbericht fertiggestellt und an Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne übergeben. Die Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Schulpraxis arbeiteten seit Ende 2016 an der Entwicklung von Vorschlägen zu Kriterien, Instrumenten und Verfahren für eine rechtssichere Bemessung und Bewertung der Arbeitszeit von Lehrkräften und Schulleitungen.

„Kein anderes Land hat bisher einen vergleichbaren Prozess initiiert und umfassend die Arbeitszeit der Lehrkräfte analysieren und interpretieren lassen. Niedersachsen nimmt hier eine absolute Vorreiterrolle ein. Ich bin mir sicher, dass die anderen Länder mit hohem Interesse den Abschlussbericht auswerten werden“, erklärt Kultusminister Tonne. Und weiter: „Stellvertretend für das gesamte Gremium möchte ich einen sehr herzlichen Dank an Herrn Dr. Mußmann und Herrn Prof. Haunschild aussprechen. In sage und schreibe 30 Sitzungen hat sich das Gremium mit einer überaus komplexen Materie befasst, intensiv beraten, analysiert und Empfehlungen formuliert. Der nun vorliegende Abschlussbericht ist eine gute Grundlage, um Schlussfolgerungen für Entlastungen im Arbeitsalltag der Lehrkräfte zu ziehen.“

Das Expertengremium hat auf Grundlage der Göttinger Arbeitszeitstudie 2015/2016 herausgearbeitet, dass die Gruppe der besonders belasteten Lehrkräfte in den Fokus genommen werden muss. Hierzu zählen unter anderem Teilzeitlehrkräfte, ältere Lehrkräfte sowie Schulleitungen. Das Gremium schlägt daher unter anderem vor, als neues Instrument „Entlastungsstunden“ einzuführen. Diese sollen den Schulen zur Verfügung stehen und zielgenau zum Ausgleich für besonders belastete Lehrkräfte eingesetzt werden.

Der Abschlussbericht zeigt, dass es große Unterschiede zwischen den Schulformen gibt. Ebenso haben die Expertinnen und Experten ermittelt, dass große Unterschiede in den Tätigkeiten und damit für die Ursachen von Belastung und/oder hoher Arbeitszeit festzustellen sind. Bei den Schulformen Grundschule, Gesamtschule und Gymnasium liegen laut Expertengremium belastbare Erkenntnisse vor. Für Aussagen zu den Schulformen Förder-, Haupt-, Real-, Ober- und Berufsbildende Schulen liegt keine ausreichende Datenbasis vor.

Für das Expertengremium Arbeitszeitanalyse führt dessen Sprecher, Prof. Dr. Axel Haunschild, wie folgt aus:

„Die Empfehlungen des Expertengremiums Arbeitszeitanalyse sind wissenschaftlich fundiert. Das Gremium hat dazu bei seiner Arbeit v. a. auf die Göttinger Arbeitszeitstudie 2015/16, die Niedersächsische Arbeitsbelastungsstudie 2016 und die Lüneburger Studie „Mehr Zeit für gute Schule“ (2017) zurückgreifen können. Mit der Göttinger Arbeitszeitstudie liegt eine bundesweit einzigartige und methodisch vorbildliche Erhebung der Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern vor, die nach Auffassung des Gremiums als Maßstab für zukünftige Arbeitsbemessungen dienen sollte.

Auf der Basis einer intensiven Auswertung der Studien sowie weitergehender Analysen hat das Gremium konkreten Handlungsbedarf identifiziert. Niedersächsische Lehrerinnen und Lehrer leisten zurzeit in erheblichem Umfang Mehrarbeit. Die individuelle Arbeitszeit streut jedoch stark. Auch sind schulformspezifische Unterschiede und die besondere Belastung von Lehrkräften in Teilzeit und mit Funktionen sowie Leitungsaufgaben zu berücksichtigen.

Aus Gründen der Fürsorgepflicht des Dienstherrn und aufgrund der Gleichbehandlung ss nach Ansicht des Gremiums für gezielte Entlastung gesorgt und die große Spanne unterschiedlicher Arbeitszeitbelastung reduziert werden. Aus Gründen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes kommt es dabei vor allem auf einen Ausgleich in der direkten Belastungssituation an.

Die vom Gremium empirisch ermittelte Mehrarbeit, d. h. die Überschreitung der beamtenrechtlichen Soll-Arbeitszeit um 169.000 Zeitstunden pro Woche, kann durch zeitliche Entlastung, aber z. B. auch durch eine bessere Verteilung der Aufgaben, eine Verbesserung der Arbeitsmethodik und mehr Kooperation in den Schulen reduziert werden. Der Entlastungsbedarf, den das Land durch zusätzlich bereitzustellende Ressourcen in Höhe von 61.140 Regelstunden decken soll, wird vom Gremium mit zwei Drittel der ermittelten Mehrarbeit beziffert. Das verbleibende Drittel sollen Schulen und Lehrkräfte durch gezielte Maßnahmen zur Vermeidung von Mehrarbeit beisteuern.

Das Entlastungsvolumen wurde schulformspezifisch ermittelt. Es soll für belastungs- und merkmalsbezogene Entlastungsmaßnahmen auf Schulebene zur Verfügung stehen und so in schulbezogenen Verfahren auch qualitative Belastungen regulieren. Auf diese Weise soll auf besondere individuelle Belastungssituationen reagiert werden. Zudem empfiehlt das Gremium für Grundschulen eine Absenkung um eine Deputatsstunde. Über diese Empfehlung hinaus hat das Gremium weiteren Forschungsbedarf zur Arbeitszeit und Belastung von Lehrkräften identifiziert und regt die Durchführung von Modellversuchen an.“

Für Niedersachsens Kultusminister Tonne zeigt der Abschlussbericht, dass sich Schule in den vergangen Jahren deutlich verändert habe und die Aufgaben und Anforderungen jenseits der Erteilung von Unterricht spürbar angewachsen seien. Um die Lehrkräfte zu entlasten, kündigte Minister Tonne eine Reihe von Sofortmaßnahmen an, die zügig umgesetzt werden sollen. Hierzu gehöre eine „Streichliste Dokumentationspflichten“. Ziel sei es, die Dokumentationsvorgaben zu reduzieren und Lehrkräfte zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen zu entlasten. Zudem investierten Lehrkräfte und Schulleitungen zu viel Zeit in die Entwicklung von Papieren und Konzepten. Dafür werde zeitnah ein Katalog an Musterkonzepten von guten Beispielen aus der schulischen Praxis publiziert. Insbesondere Schulleitungen können hierdurch eine deutliche Arbeitserleichterung erfahren, so Tonne.

Parallel werde die Überarbeitung der Arbeitszeitverordnung in Angriff genommen und die Umsetzung des Teilzeiterlasses evaluiert. Außerdem zeige der Abschlussbericht interessante Modellversuche auf, u. a. zu Präsenzzeiten von Lehrkräften an allgemein bildenden Schulen und zum kollaborativen Arbeiten. Hier könnten wichtige Erkenntnisse für die Zukunft gewonnen werden.

Als weiteren Schritt schlägt Tonne einen Runden Tisch vor, um mit Gewerkschaften und Verbänden einen gemeinsamen „Pakt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrkräften und Schulleitungen sowie zur Stabilisierung der Unterrichtsversorgung“ auszuarbeiten. Im Kultusministerium wurde bereits eine Steuerungsgruppe installiert, welche die drei Bausteine Besoldung, Arbeitszeit und Entlastungen zu einem tragfähigen Gesamtkonzept zusammenbindet und Vorschläge erarbeitet. Der Runde Tisch bzw. die Task Force wird mit dieser Steuergruppe sehr eng verkoppelt. Tonne: „Wir brauchen eine konzertierte Aktion und einen realistischen Zeit- und Maßnahmenplan. Das gilt mit Blick auf die in dem Bericht genannten umfangreichen Ressourcen ebenso, wie auf die Tatsache, dass wir einen akuten Lehrermangel haben. Daher liegt noch viel Arbeit vor uns. Dieses Gesamtpaket werden wir konsequent abarbeiten und nicht auf die lange Bank schieben.“

Hier finden Sie den


Abschlussbericht

und eine

Präsentation mit den wichtigsten Ergebnissen.

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