Nds. Kultusministerium klar

Dialogforum "Gymnasien gemeinsam stärken"

Seit der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren in Niedersachsen ist aus Kreisen der Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler immer wieder zu vernehmen, der Stress insbesondere an der gymnasialen Oberstufe habe zugenommen. Dies entspricht auch den Reaktionen, die Kultusministerin Frauke Heiligenstadt aus ihren zahlreichen Gesprächen mit den schulpolitischen Verbänden mitnimmt: Klagen darüber, dass der Unterrichtsstoff zu schnell durchgenommen werde, es zu wenig Zeit zum Lernen gäbe und dass Freizeitaktivitäten wie das Engagement in Vereinen, Treffen mit Freunden und Entspannung im Leben der Schülerinnen und Schüler viel zu kurz kämen. Empirische Untersuchungen, die diese „gefühlte Wahrnehmung" belegen, gibt es in Niedersachsen zwar nicht. Doch aufgrund der immer wieder kehrenden Rückmeldungen zu diesem Thema nimmt die Niedersächsische Landesregierung diese Aussagen sehr ernst.

Als eine der ersten Gesetzesinitiativen nach der Landtagswahl haben die Landesregierung und die sie tragenden Mehrheitsfraktionen von SPD und Bündnis 90/die Grünen im Niedersächsischen Landtag veranlasst, das so genannte Turbo-Abitur an Gesamtschulen wieder abzuschaffen. Im Juni wurde das Niedersächsische Schulgesetz entsprechend geändert, so dass seit Beginn dieses Schuljahres der Erwerb des Abiturs an den Integrierten Gesamtschulen und den nach Schuljahrgängen gegliederten Kooperativen Gesamtschulen nach dreizehn Schuljahren wieder möglich ist. Die Rückkehr zu G9 an den Gesamtschulen war ein klar definiertes Ziel der rot-grünen Koalitionsvereinbarung. Das Abitur nach neun Jahren kommt dem pädagogischen Konzept dieser Schulform sehr entgegen, das ein möglichst langes gemeinsames Lernen beinhaltet. Der Hintergrund für das schnelle Handeln: im jetzt begonnenen Schuljahr hätte das G8-Abitur an den IGS und KGS erstmals „gegriffen". Alle Beteiligten waren sich über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme einig und den Schulen wurde durch die Gesetzesänderung ein hoher organisatorischer Aufwand erspart.

Bei der Diskussion um das Abitur an den niedersächsischen Gymnasien - diese schließt die nach Schulzweigen gegliederten Kooperativen Gesamtschulen ein - wollen wir uns bewusst so viel Zeit lassen, wie notwendig ist. Die Einführung von G8 ist in Niedersachsen von vielen Beteiligten als zu „überhastet" wahrgenommen worden. Änderungen im „Hauruck-Verfahren", wie von der schwarz-gelben Vorgängerregierung, soll es hier deshalb nicht geben. Es gilt, mit ausreichend Zeit zukunftsfähige Lösungen zu finden, die die hohe Qualität des Niedersächsischen Abiturs weiter gewährleisten, gleichzeitig aber den Stress und Druck, der empfunden wird, deutlich zu mindern.

Im Juni vergangenen Jahres hat die Niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt daher das Dialogforum „Gymnasien gemeinsam stärken" gestartet: Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden und Institutionen aus dem niedersächsischen Bildungsbereich (darunter beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen Spitzenverbände, der Landeselternrat, der Schulleitungsverband, der Landesschülerrat, die GEW, der Philologenverband, der Verband Bildung und Erziehung, die Unternehmerverbände, die Kirchen und die Fraktionen im Niedersächsischen Landtag) erörtern in einem ergebnisoffenen Dialog mit der Niedersächsischen Landesregierung u.a.

• ob es beim Abitur nach zwölf Schuljahren bleiben soll oder ob das Abitur nach 13 Jahren an Gymnasien wieder eingeführt wird

• ob neue Formen der Leistungsüberprüfung sowie eine Reduzierung der Abiturprüfungsfächer in der gymnasialen Oberstufe dazu geeignet wären, einen zu hohen Leistungsdruck in dieser Schulstufe zu vermeiden und

• ob und wie die Lehrpläne überarbeitet werden sollten angesichts von Hinweisen auf eine zu große Fülle und Verdichtung des Lernstoffs.

Ziel des Dialogforums ist es, die oben skizzierten Probleme zu erörtern und Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. Ministerin Heiligenstadt geht es dabei zunächst vor allem darum, zuzuhören, vorgebrachte Argumente aufzunehmen und bei der Suche nach Lösungen die Kompetenzen der Bildungsakteure zu nutzen. Nach der Auftaktveranstaltung im Juni 2013 im Loccum lagen daher erwartungsgemäß noch keine Ergebnisse vor. Es zeichneten sich nach der Diskussion jedoch zwei Trends ab: 1. Den Schulen eine Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 einzurichten, wurde von der großen Mehrheit der Anwesenden zugunsten einer einheitlichen Lösung abgelehnt. 2. Ein „Weiter-so" soll es nicht geben - weder bei einer möglichen Rückkehr zu G9, noch bei einer möglichen Beibehaltung von G8. Die Rahmenbedingungen, so der Tenor, müssten sich in jedem Fall ändern. Auch über die Möglichkeit eines „Abiturs im eigenen Takt" wird derzeit diskutiert.

Im September vergangenen Jahres haben die Beteiligten des Dialogforums ihre Gespräche in einer Expertenrunde fortgesetzt. Die Expertinnen und Experten treffen sich seitdem in etwa monatlichen Abständen. Dazu gehören Vertreter/innen des Landesschülerrates, des Landeselternrates, der GEW und des Philologenverbandes, der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule und der Niedersächsischen Direktorenvereinigung, Vertreter/innen der Schulformen allgemeinbildendes Gymnasium, Berufliches Gymnasium, Integrierte Gesamtschule und Kooperative Gesamtschule sowie Vertreter/innen der Niedersächsischen Landesschulbehörde und des Kultusministeriums. Auch Schulpraktiker wie Schulleiterinnen bzw. Schulleiter oder auch Oberstufenkoordinatoren sind in der Runde vertreten. Insgesamt umfasst das Expertenforum ca. 20 Personen.

Der Auftrag an die Expertenkommission lautet, u.a. verschiedene Szenarien der Dauer der Schulzeit an den Gymnasien fachlich zu diskutieren und mögliche Auswirkungen von Veränderungen darzulegen. Das Ziel ist es, eine fundierte Basis zu schaffen, auf der Entscheidungen getroffen werden können. Die Expertenrunde gibt auftragsgemäß kein Votum ab. Entscheidungen werden in den entsprechenden politischen Gremien gefällt. Derzeit wird ein Abschlussbericht der Expertenkommission vorbereitet, der bis Ende März veröffentlich wird. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat sich laufend über die aktuellen Sachstände informiert und kürzlich eine erste Tendenzaussage getroffen:

"Die rot-grüne Landesregierung hat direkt nach Regierungsübernahme einen Prozess in Gang gesetzt, um den Stress, der durch die Einführung des sogenannten Turboabiturs in Niedersachsen entstanden ist, an den Gymnasien abzubauen. Grundsätzlich gilt: Es gibt eine große Bereitschaft zum Systemwechsel: weg vom G8 mit Dauerstress hin zu einem G9. Oder mit anderen Worten: Die Tür zum G9 ist geöffnet worden. Entscheidend ist aber die Ausgestaltung und eine Entscheidung darüber ist bislang nicht gefallen. Wir haben eine Expertenkommission eingesetzt. Deren wichtige Arbeit - die sorgfältige Prüfung verschiedener Szenarien - ist Basis einer solchen Entscheidung und daher warten wir den Abschlussbericht der Expertinnen und Experten zunächst ab. Dann wird es einen konkreten Vorschlag von mir geben, über den die politischen Gremien entscheiden werden".

Die Expertenkommission hat ihren Abschlussbericht Mitte März vorgelegt. Kultusministerin Heiligenstadt hat auf der Basis dieses Abschlussberichtes einen Vorschlag für ein modernes Abitur nach 13 Jahren in Niedersachsen gemacht.

Logo des Dialog-Forums  
Download

Abschlussbericht der Expertenrunde

 Download
(PDF, 0,18 MB)

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln